Mitreden auf Augenhöhe

Alle zwei Monate tagt der Bewohnerbeirat der Wohnstätte Busfortshof in Gladbeck, einer Einrichtung für Menschen mit psychischer Erkrankung.

Text: Jörn-Jakob Surkemper
Ades Mufftic, Michael Nobel und Einrichtungsleiterin Sabine Luckhardt (M.) ist das leerstehende Wohnhaus gegenüber der Wohnstätte ein Dorn im Auge. Foto: Christian Kuck

Auf dem Weg zur Wohnstätte Busfortshof in Gladbeck ist das leerstehende achtstöckige Wohnhochhaus direkt gegenüber nicht zu übersehen. Grünspan überzieht die ansonsten gar nicht so alte weiße Fassade. Die unteren Fenster des Treppenhauses sind eingeschlagen. Scheiben des Foyers sind mit Sperrholzplatten bedeckt. In der laubbedeckten Zufahrt steht ein Einkaufswagen, ein Autoreifen liegt ein paar Meter weiter und an einer anderen Stelle wurde Sperrmüll abgeladen. Das Haus steht seit vier Jahren leer, wegen mangelndem Brandschutz – und heute ist es mal wieder Thema im Bewohnerbeirat der Wohnstätte. Der hat es satt und einen Termin für sich und Einrichtungsleitung Sabine Luckhardt beim stellvertretenden Bürgermeister erwirken können. „Endlich“, sagt Beiratsvorsitzende Yvonne Weilrafen. „Erst kürzlich ist mir wieder eine Ratte über den Weg gelaufen. Viermal hat es dort schon gebrannt.“ Luckhardt findet, die Stadt sollte mindestens einen Bauzaun um das Grundstück ziehen, damit dort kein Müll mehr abgeladen werden kann, und hofft, dass sie den Abriss des „Schandflecks“ in ihren letzten zehn Dienstjahren noch erlebt.

Auch die Bundestagswahl steht auf der Tagesordnung. „Wir wollen als Gruppe zum Wahllokal gehen“, sagt Bewohner und Beiratsmitglied Ades Mufftic. Sabine Luckhardt will an dem Tag auch vor Ort sein, um die Bewohner:innen zu begleiten, falls sie sich nicht allein trauen. „Ungewohnte Situationen wie die im Wahllokal sind für unsere Bewohner:innen oft mit Ängsten verbunden“, erklärt sie. „Ich finde extrem wichtig, dass alle wählen gehen und sich jeder anschaut, welche Partei seine Interessen am besten vertritt.“  

„Ungewohnte Situationen, wie die im Wahllokal, sind für unsere Bewohner:innen oft mit Ängsten verbunden.“

Sabine Luckhardt

Die Wohnstätte Busfortshof ist ein Wohnangebot für Erwachsene mit einer psychischen Erkrankung – oft chronische Schizophrenie mit unterschiedlichen Ausprägungen –, die nicht, nicht mehr oder noch nicht komplett selbstständig und unabhängig leben können. Das Angebot umfasst 25 Plätze, zwei Krisenplätze und eine Außenwohngruppe. In die ist Beiratsvorsitzende Yvonne Weilrafen kürzlich umgezogen – ein Schritt zu mehr Selbstständigkeit. Überhaupt stehen einige Umzüge an; auch das ist ein Thema in der Beiratssitzung. Yvonne hat etwas Bedenken wegen ihrer künftigen Mitbewohnerin, die Sabine Luckhardt ihr aber nehmen kann. „Ich glaube, das passt besser, als du denkst. Und wenn es Probleme gibt, was in jeder WG vorkommen kann, muss man drüber sprechen. Und das kannst du ja.“

Meist gehe es auf den zweimonatlich stattfindenden Treffen des Bewohnerbeirates harmonisch zu; unterschiedliche Meinungen oder gar Streit seien selten. „Das war früher etwas anders, als es noch einen gemeinsamen Beirat mit der Wohnstätte Rentfort gab, der fast doppelt so viele Bewohner vertrat und entsprechend größer war“, erinnert sich Luckhardt. Auch heute ist dies Thema im Beirat, denn im Sommer ist es im Pausenraum zu warm für die Medikamente. Nun sollen sie in einen Hauswirtschaftsraum; dafür müssen die Wäschekörbe der Bewohner:innen in deren Zimmer.

Ähnlich wie den Bundestag wählen die Be­­woh­ner:innen den Beirat für vier Jahre. Sabine Luckhardt erklärt: „Es wird ein Wahlkalender erstellt, den alle Bewohner:innen erhalten. Alle, die sich aufstellen lassen möchten, können sich selbst vorschlagen, brauchen aber drei weitere Unterschriften ihrer Mitbewohner:innen, und werden dann zur Wahl aufgestellt. Im Wahlkalender steht dann auch das Datum des Wahltages. Wer die meisten Stimmen hat, ist Vorsitzende:r des Beirates.“ Die zweit- und drittplatzieren ziehen ebenfalls in den Beirat ein. In diesem Jahr stehen wieder Wahlen an.  

Yvonne Weilrafen, die schon das zweite Mal dabei ist, macht es Spaß mitzureden und zu gestalten. Auch Ades Mufftic schätzt das offene Klima. „Wüsste auch nicht, was man verbessern kann“, sagt er. Und Michael Nobel, das dritte Beiratsmitglied, ergänzt: „Man kann über alles reden. Es ist wie in einer großen Familie.“

INFO

Wohnstätten Busfortshof
Sabine Luckhardt
Busfortshof 16a
45968 Gladbeck
Tel.: 02043 963513

Dieser Artikel stammt aus unserem Magazin „AWO erleben!“. Die gesamte Ausgabe steht hier zum Download bereit.